Kondensmilch

Kondensieren, konzentrieren. Reduzieren in Grösse, maximieren in Potenzial. 1001 Informationen auf einem Mikrochip, 1001 Pfefferminzblättchen in einem Tropfen ätherischen Öl. Keine Pergamentrolle, sondern ein einziges Killerargument. Eine Schlagzeile.

Es waren schon immer die Zeitungsoberhäupter, die die Titel der Artikel bestimmt haben – denn der Titel ist das, was zuerst gelesen wird und die Haltung formt, mit der wir den Rest lesen. Er ist das, was hängen bleibt. Das, was weitergegeben wird.

Niemand zieht mit einer Thermos wässrigem Kaffee in den Krieg. Man nimmt das Konzentrat.

Das ist gut. Das ist effizient. Das ist stark. Aber das ist nicht alles.

Denn wo bleiben dann die seitenlangen Gedichte, die bei gemütlichen, langen Spaziergängen entstehen? Wo das alberne Rumbalgen ohne wirkliches Ziel, bei dem am Ende niemand gewonnen hat und allen vor Lachen die Bauchmuskeln wehtun? Und das Lesen von dicken Schunken und langen Artikeln, Wort für Wort, und schöne Sätze gleich zwei-, dreimal?

Marie ist Herzchirurgin. Sie liebt Kondensmilch und doppelten Espresso und braucht beides für maximale Konzentration bei einer Operation. Da will sie keine Umwege. Keine Abschweifungen. Keine Entdeckungen. Da zählt jede Sekunde.

Aber nach getaner Arbeit geht sie gerne zu Fuss nach Hause und lässt jegliche Abkürzungen links (oder rechts) liegen.

Sie geht am See entlang, obwohl das länger dauert. Vielleicht bleibt sie bei einem Rosenstrauch stehen, weil eine der Rosen so absurd üppig blüht, dass sie wissen will, ob sie genauso riecht, wie sie aussieht – und steckt ihre Nase dabei fast in einen Rosenkäfer …

… oder sie erinnert sich daran, dass sie schon lange nicht mehr Guns N’ Roses gehört hat, obwohl sie die doch so gerne mag. Und „Guns“ wiederum erinnert sie an ihr Lieblings-Ballergame. Plötzlich hat sie Lust auf Rock und Joystick – vielleicht wird das ihre Abendbegleitung.

Am See füttert sie die Enten. Sie schaut ihnen zu, wie sie sich um ein Stück Brot streiten, wie eine zu spät kommt, eine andere frech alles wegschnappt und eine dritte offenbar überhaupt nicht verstanden hat, wo das Brot gelandet ist. Vielleicht steht sie fünf Minuten da. Vielleicht zwanzig. Es spielt keine Rolle.

Als maximal ausgeklügelte Bewegungs- und Entspannungseinheit hätte sie auch 40 Minuten Muscle Pump und 20 Minuten Massage im Gebäude neben dem Krankenhaus machen können. Danach Taxi nach Hause. Bewegung: erledigt. Entspannung: erledigt. Heimweg: erledigt. Effizient. Kondensiert. Optimiert.

Aber irgendwann ist Schluss mit Kondensation und Konzentration.

Was, wenn wir einfach abbiegen? Herumstreifen und schauen, was passiert?

Das ist weder Zeitverlust noch Zeitoptimierung.

Der Text könnte hier aufhören. Schön kondensiert. Tut er aber nicht.

Er endet hier.