-OMG, weisst du, was mir gerade passiert ist?
-Ja.
-Wie? Wie kannst du das wissen, ich habs dir ja noch gar nicht erzählt.
-Warum fragst du denn?
-Oh man, rhetorische Frageeee. Also, willst du es wissen?
-Klar doch, schiess los.
-Also…
Während Josie erzählte, lief ich die Strasse zu meiner Wohnung hoch. Ich sah die Katze des Nachbars, wie sie gerade würgend eine Blindschleiche verspeiste, und musste grinsen.
-Krass, oder? – riss mich Josies Stimme aus der Szene.
-Mmmmhm! Total! Und dann?
Phu, es war anstrengend. Ich sollte wohl wieder mal ein bisschen mehr Sport treiben. Dieser steile Weg brachte mich jetzt schon ins Schwitzen. Früher war ich doch eigentlich immer so fit gewesen, doch jetzt liess meine Fitness zu wünschen übrig. Vielleicht mal wieder öfter mit dem Fahrrad zur Arbeit?
-… und dann stand er plötzlich hinter mir.
Ich keuchte.
-Super crazy, nicht wahr?
-Mega!
-Eben! Weil Jessica hat mich nicht verstanden. Kannst du dir das vorstellen? Aber du bist meiner Meinung, oder? Oder reagiere ich über?
-Auf keinen Fall! – schnaubte ich; jetzt kamen auch noch die Treppenstufen.
-So ein Arschloch – heulte sie.
-Idioten! – antwortete ich.
-Warum denn Plural? Ich rede ja nur von dem einen. – Sie klang verwirrt.
Noch drei Stufen, dann hab ich’s geschafft.
-Ja äh… die Männer. Alle.
Ein lautes Lachen kam aus dem Hörer.
-Es tut so gut, mit dir zu sprechen!
Ich kam oben an und seufzte erleichtert und genüsslich.
-Ich fühle mich gerade sehr verbunden. Aber das ist noch nicht alles. Weisst du, was er dann gemacht hat?
-Nein, erzähl!
Ich steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Stickige Luft kam mir entgegen – ich riss die Fenster auf.
-Hallo? Hörst du mir überhaupt noch zu?
-Jaja, klar! – sagte ich und füllte ein Glas mit Wasser, um meine Pflanzen zu tränken. Dann trank ich selbst.
-Und dann haben wir uns geküsst.
Ich verschluckte mich am Wasser.
-Ihr habt, wasssss???
-Nun ja, kannst ja eins und eins zusammenzählen, oder? Ich meine, alles, was ich dir bisher erzählt habe… also ich verstehe deine Überraschung nicht.
-Äh, ja, klar – hustete ich. – Macht Sinn. Ist nur. Krass. Toll. Und wie geht es dir jetzt?
-Oh, glad you asked. Ich weiss es nicht… also weisst du…
Ich liess mich aufs Sofa fallen und nahm die Nagelfeile vom Sofatischchen. Ich machte den Lautsprecher an und fokussierte mich auf meine Fingernägel.
-Und was würdest du jetzt an meiner Stelle tun?
Ich hielt inne. Scheisse.
-Also ganz ehrlich?
-Ja.
Ich betrachtete meinen Daumennagel. Links war er noch etwas schief.
-Ich glaube, du musst jetzt einfach auf dich selbst hören.
Stille.
-Wow – sagte Josie. – Ja. Genau das musste ich gerade hören.
-Immer, Amiga.
Ich lächelte und feilte weiter.
Callcentergespräche. Wir führen sie ständig, nur ohne Warteschleifemusik. Klar, jetzt denkst du: Ich? Nein, ich doch nicht. Meine Gespräche sind tiefgründig und persönlich, frisch aus dem Moment geboren.
Weisst du, was sonst noch geboren wurde? Muster.
Und die spielen wir auf Autopilot ab. Wir hören ein Stichwort, wählen eine Rubrik und spielen die passende Antwort ab. Stress? Mehr schlafen. Orientierungslos? Meditieren. Beziehungskrise? Sport. Existenzangst? Schlaf, Meditieren, und Sport. Und unbedingt B12-Level checken.
Jeder hat seine Fachabteilung. Meine Mutter zum Beispiel leitet Schlaf. Josie ist zuständig für Sport.
-Person A: „Ich hab so viel Stress bei der Arbeit.“
-Meine Mutter: „Liebes, du musst mehr schlafen.“
-Person B: „In letzter Zeit bin ich oft etwas verwirrt und weiss nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll.“
-Meine Mutter: „Liebes, du musst mehr schlafen.“
Ja, wer hätte das gedacht – sie schläft selbst sehr gerne. Entsprechend hört sie bei wissenschaftlichen Erkenntnissen immer dann genau hin, wenn es um die Vorteile von Schlaf geht, und trinkt leidenschaftlich Kaffee, um den vielen Schlaf zu kompensieren. Klar.
-Person A: „Ich bin oft müde und hab einfach keine Energie. Ich will am liebsten den ganzen Tag im Bett verbringen.“
-Meine Freundin Josie: „Ich rate dir von Herzen, Sport zu treiben. Es macht dich fit und munter und voller Endorphine. Es hilft dir, klarer zu denken, und zudem fühlst du dich zehnmal besser in deinem Körper.“
-Person B: „In letzter Zeit streiten Paul und ich viel. Ich weiss nicht, was los ist. Vielleicht betrügt er mich? Vielleicht lieb ich ihn nicht mehr?“
-Meine Freundin Josie: „Ich rate dir von Herzen, …“
You know.
Und so weiter und so fort. Der Autopilot in Dauerschlaufe. Da stellt sich einem die Frage, ob irgendwo zwischen Schlaf, Sport und Vitamin B12 noch jemand persönlich erreichbar ist.
Am nächsten Morgen schrieb ich Josie:
-Du, ich bin heute irgendwie total neben mir.
Ihre Antwort kam sofort.
-Oh nein, Amiga. Du musst echt mehr auf dich selbst hören ❤️
Das tat ich. Und fuhr mit dem Fahrrad zur Arbeit.



