„Ich schlafe in der Dusche, weil die Dusche zu mir hält, sie ist der einzige Freund, den ich noch habe auf der Welt“ – singe ich vor mich hin, während das kalte Wasser erfrischend auf mich hinunterplätschert. Dieses Lied handelt von der Rebellion von Haushaltsgegenständen, u.a. eines paranoiden Kühlschranks und eines Toasters, der dem Künstler um die Ohren fliegt. Ich kenne den Text auswendig, etwas an dem Lied hat mich schon immer fasziniert. Doch erst jetzt sehe ich tiefer in das Thema hinein. Die Tasse, die herunterfällt, oder „wenn Tassen in Massen sich einfach fallen lassen“, wie es im Lied heisst, hat sich nicht einfach nur so, aus Zufall oder Schusseligkeit, in ein Scherbenmeer verwandelt. Da haben wir’s wieder, die Verlängerung vom Innen im Aussen.
Ich wasche gerade meine Extensionen. Also eigentlich wasche ich meinen ganzen Körper, von Kopf bis Fuss. Und da gehören neuerdings auch die Haarextensionen dazu. Aus schulterlang wurde bis-zum-Bauchnabel. Früher? Unvorstellbar! Was ich mir damals nicht einmal hätte denken können, hätte ich selbst dann ausgeschlossen, wenn man es mir vorgeschlagen hätte. Eine Schönheitskur? Aber nein doch, viel zu teuer. Unnötig. Und vor allem, nicht natürlich. Denn was wäre ein Kompliment für meine Haare oder mein Aussehen, wenn es nicht ein Kompliment an meine gottgegebene Natur ist? Dann ist es ja mehr ein Fürwort für die Schönheitsindustrie, oder in diesem Fall für den Friseursalon. Das will aber nicht heissen, dass ich niemals hier und dort etwas nachgeholfen hätte. Klar hab ich schon mal die Nägel lackiert, Lippenstift aufgetragen, Augenbrauen gezupft, Pickel überdeckt, ja sogar die Wimpern in die Zange gehalten…die Liste wäre noch länger, würde ich jedes Detail meinem Nachhelfen an Naturgegebenheiten aufführen. Warum also diese ursprüngliche Ablehnung gegenüber klassischer Verlängerungsmethoden einzelner Haarsträhnen?
All das hat bestimmt mit meiner Mutter zu tun, welche mir das „natürlich sein“ in den Kopf gepflanzt hat. Eine Frau mit knallrotem Lippenstift und wasserstoffblonden Strähnchen, versteht sich. Jede einigermassen gutaussehende, leicht bis stark geschminkte Fernsehmoderatorin oder Tatortkomissarin wurde als Tusse oder Barbie deklariert. Da die Tochter um die Gunst ihrer Mutter bemüht ist, sind Haarextensionen also lange ein Tabu gewesen. Das hat sich nun geändert. Mit Anmut massiere ich den Conditioner in die Haarspitzen, wofür nun die Ellbogen in einem entspannten rechten Winkel ruhen können – ein durch und durch neues Körpergefühl. Doch während ich, mittlerweile summend, die Enden meiner Haare bearbeite, kommt mir ein Gedanke: ich muss den Conditioner in meine Haare auftragen, also in die schulterlangen Enden. Denn schliesslich sind die Extensions guter Qualität, während meine eigenen, natürlichen Haare sehr trocken sind und dementsprechend mehr Pflege brauchen. Also greife ich zur Cremetube und gönne mir eine weitere nussgrosse Portion, welche ich dann geistesabwesend auftrage. Und da blitzt es dem abwesenden Geist tief hinein bis in die Haarfollikel. Meine Haare? Sind denn nicht alles meine Haare? Warum diese Unterscheidung zwischen Extensionen – die doch Extensionen meiner selbst sind? Solange ich sie nicht als meine annehme, werden sie sich auch nicht wie solche verhalten. Was ist echt? Das von Gott gegebene? Nun denn, die abgeschnittenen Haare einer von Gott kreierten Frau, angeschustert von gottgemachten Friseuren – ist das nicht Gott gegeben?
Und zum Argument, diese Haare seien „meine“, die andern nicht: Warum denn? Weil mir die einen auf dem Kopf wachsen? Ja was ist denn mit „meiner“ Schwester? (Solange ich nicht von einer siamesischen die Rede ist, versteht sich). Was ist meins? Um „mein“ von „dein“ zu unterscheiden, muss ich mal davon ausgehen, dass wir verschieden sind. Also bye bye Sprücheklopfen bei Hippieritualen und in der Marketingabteilung mit „We are one“. Die Extensions sind näher an meinem Körper, und zudem angemacht, als zum Beispiel meine Schwester. Oder meine Dusche.
In diesem Lied heisst es weiter: „Man muss immer auf der Hut sein, man weiss nie, was so passiert, wenn ein durchgedrehter Haushalt gegen einen revoltiert“. Nun denn, immerhin ein Haushalt, der gegen mich revoltiert, wenn ich es kaum selber schaffe. Ein fliegender Toaster lässt mich die Welt und meine Vorstellungen dieser hinterfragen. Wenn es draussen revoltiert, revoltiert etwas in mir drin. Ich will hinhören. Und ich habe Hunger. Mal sehen, ob der Toaster diesmal gewinnt.




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