Der Weise geht auf eine Reise. Doch wie reist es sich weise? Schnell mit dem Flugzeug oder auf zwei Beinen mit Wanderstock, mit hoher Kreditkartenlimite oder vertrauend in die Grosszügigkeit der Mitmenschen, mit der geführten Reisegruppe „Kulturnomaden“ oder in der bekannten Gesellschaft seines Ichs mit dem Ziel der Selbstfindung? Die Weise stellt sich diese Frage gar nicht erst – das Wie ist nie der Anfang einer Antwort, die seiner würdig ist.
Weisheit folgt ähnlichen Gesetzen wie die Magie. Dort kommt das Wie erst an dritter Stelle. An erster steht der Ausgangspunkt: ein Wunsch, ein Ziel, eine Haltung. In meinem Fall: in Istanbul, mit dem Wunsch zu schreiben, und mit dem Geschriebenen zu provozieren, Menschen zum Denken und Diskutieren anzuregen. Im vorliegenden Text daüber, was Weisheit ist.
Und so beginnt ihre Reise zum vollendeten Text. Kebabduft liegt in der Luft – Ablenkung. Der Weise visiert den ersten Schritt der Magie.
Wozu sage ich Ja, wozu Nein?
Ja, ich will über Weisheit schreiben. Der deliziös duftende Kebab und das Lächeln des charmanten Kellners müssen in diesem Falle mit einem klaren Nein blockiert werden. Die meisten Menschen scheitern nicht am Ja, sondern am fehlenden Nein. Jeder kann Ziele bejahen, doch nur wer konsequent verneint, hält den Weg frei. Neun Komplimente und eine Kritik – im Gedächtnis bleibt die Kritik. Das Nein wiegt schwerer als das Ja. Es trennt Klarheit von Chaos. Dies zu ignorieren wäre ein Kampf gegen die Gesetze des Universums, und diesen hat bis jetzt noch jede:r verloren.
Horror vacui. Mit der Scheu vor der Leere, der Angst vor dem weissen Blatt, sitze ich in einem Café. Auch Angst verlangt ein Nein. Doch nicht aus Verdrängung, sondern als Umwandlung. Wer unterbindet, unterschätzt den Rückprall. Wer sie nutzt, verwandelt Leere in Antrieb. Sonst entsteht auf dem weissen Bildschirm innert Kürze ein Wimmelbild-Text mit einem Sokrates-Zitat als Titel, gewidmet einem sich kulturell und philosophisch gebildet nennenden Publikum. Dem liegt ein unausgesprochener Wunsch nach Anerkennung zugrunde, abgetan mit dem jahrelang antrainierten Schauspiel Schweizer Bescheidenheit. Weisheit im Rahmen einer Philosophiegesellschaft – dies ist reine mentale Masturbation. Weisheit heisst hier: Nein zur Ablenkung.
Am Nebentisch höre ich ein Streitgespräch: von Inklusion über Julius César bis hin zum Tod von John Lennon. Stoff für provokatives Schreiben über Weisheit? Ich höre hin und zu:
„Divide et impera – Teile und herrsche. César war kohärent! Nicht, wie viele dieser New Ager mit Soziologie im Nebenfach, die sich gross Inklusion aufs Karohemd aus Opas Kleiderschrank schreiben. Gewisse Tiere sind gleicher als andere! Im reinen Nennen von Inklusion gehen sie ja schon von einer Division aus. Aber dividir ist schlecht und César böse? Alles, was du brauchst, ist Liebe, hat John Lennon gesungen, und ist mit einer Kugel in der Brust gestorben!“
Der Redner ruft nach Kohärenz. Worte, die nicht mit Taten übereinstimmen, sind wertlos. Denn ohne Übereinstimmung von Ausgangspunkt, Wort und Handlung gibt es keine Magie – und keine Weisheit.
Aristoteles nannte Weisheit „Wissen von Prinzipien und Ursachen“. Ich nenne sie Prinzipien der Magie. Die weise Reise beginnt beim Ausgangspunkt, gewinnt Richtung im Ja und Klarheit im Nein.
Da sitz ich nun, ich arme Autorin, und bin so klug als wie zuvor. Und etwas weiser.




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